Was ist Horror?

Hor·ror
/Hórror/ Substantiv, maskulin [der]

1. auf Erfahrung beruhender, schreckerfüllter Schauder, Abscheu, Widerwille [sich mit etwas zu befassen]
„einen Horror vor etwas, vor bestimmten Leuten haben“

2. UMGANGSSPRACHLICH EMOTIONAL VERSTÄRKEND
schreckerfüllter Zustand, in den jemand durch etwas gerät
„die Mückenplage war ein Horror“

— In diesem Beitrag werden achtbeinige Krabbeltiere erwähnt! —

Was ist eigentlich Horror? Dabei stelle ich nicht die Genre-Frage, sondern will die Essenz dieses Begriffs aufspüren. Horror, das lese ich bei der obigen Definition, die Google ausgibt, ist etwas Subjektives. Etwas, dass auf Erfahrung beruht. Immer?
Eine Szene, wie sie tausendfach in der Filmgeschichte gedreht wurde: Eine Person steht an der Treppe, die in den Keller führt. Es ist dunkel, vielleicht steht ein geliebter Mensch dicht neben dem armen Charakter, drückt fest seine Hand, während dieser vergeblich versucht, das Licht anzumachen. So oft gelesen oder gesehen und fast nie ging es gut aus. Aber selbst wenn diese spezifische Darstellung nicht in unser Hirn gebrannt und mit Unheil verbunden wäre, würde es Heiterkeit oder doch eher Schauder hervorrufen? Gibt es also so eine Art kollektive Erfahrung, die uns gruseln lässt? Lovecraft schrieb den berühmten Satz:

Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten.

H. P. Lovecraft: Supernatural Horror in Literature, S. 12

Es gibt eine Urangst. Vor dem Tod, der Vergänglichkeit oder dem Unbekannten, ist im Prinzip das Gleiche. Daraus entstehen alle anderen Ängste und jeder bildet seine eigenen aus. Während einige Menschen Spinnen absolut beängstigend finden, ist für andere die Existenz einer schlafenden Gottheit unter dem Meer fürchterlich. So kann für den einen der Film Arachnophobia Horror sein, während ein anderer ihn als schrägen Tierfilm abtut.

Angst und Furcht sind Begriffe, die man mit Horror verbindet. Nebenbei bemerkt habe ich viele interessante Artikel zur Unterscheidung von Angst und Furcht im Deutschen und in anderen Sprachen gefunden, das ist aber ein Thema für einen eigenständigen Beitrag. Bleiben wir erst einmal bei dem Begriff Angst. Muss Horror immer Angst auslösen?

Nein und das ist vielleicht einer der größten Irrtümer, dem manche unterliegen. Wer kennt nicht solche Aussagen wie: Das ist ja kein Horror oder das ist kein richtiger Horror? Die Intention ist hier wohl weniger Gatekeeping und nur manchmal, um verbal anzuzeigen, was für ein harter Knochen man ist. Menschen haben unterschiedliche Blickwinkel auf bestimmte Dinge, Beispiel Arachnophobia,.

Horror kann aber, wie oben in der Definition geschrieben, auch ein Gefühl der Abscheu oder des Widerwillens sein. Der Film Saw (oder die Reihe) ängstigt einen vielleicht weniger, als dass man die Vorstellung sehr ekelhaft findet, wie sich jemand ein Körperteil absägt oder das Blut oder die Infektionsgefahr und ich will es damit nicht ins Lächerliche ziehen. Der Film kann auf mehreren Ebenen funktionieren. Ich finde allerdings alle langweilig. Und ja, ich würde auch sagen, das ist kein Horror, das ist Crap. Und ich will nicht gatekeepen oder den harten Knochen raushängen lassen, ich sage es, weil ich es so empfinde.

Also ein ganz wichtiger Punkt: Horror ist, was wir für Horror halten. Ganz individuell.

Kann man trotzdem einen Punkt festmachen? Also den kleinsten gemeinsamen Nenner, etwas, das Horror definitiv enthalten muss? Vielleicht.
Was unterscheidet Hitchcocks Die Vögel von der besagten Mückenplage oder deutlicher: Hannibal Lecter vom Kannibalen von Rotenburg?
Die Fiktion! Es passieren viele schreckliche Dinge auf dieser Welt, die wir umgangssprachlich als Horror bezeichnen, einfach, weil uns vielleicht die Superlative für derartige Ereignisse ausgegangen sind. Wir können aber unterscheiden zwischen Realität und Fiktion. Der Tod eines geliebten Romanhelden wird uns nie so mitnehmen, wie der eines Bekannten. Auch wenn wir in beiden Fällen Trauer empfinden.

So ist es auch mit dem Schrecken. Überdies gehört Horror rein als Sparte des kulturellen Schaffens zur Phantastik und die ist per Definition fiktional. Die Begründung ist jetzt lahm, ich weiß…

Warum konsumieren wir dann überhaupt Horror? Eigentlich müssten doch die Nachrichtensendungen reichen. Jeden Abend eine kleine Dosis menschlicher Eskalation mit räumlicher und emotionaler Distanz und eine ganze Film- und Literatursparte wäre überflüssig? Vielleicht aus dem Grund, der Leute dazu veranlasst keine Achterbahn auszulassen und trotzdem nicht auf der Autobahn Schlangenlinien zu fahren. Schrecken ohne wirkliche Gefahr, Kribbeln ohne Reue. Wirkliche Ereignisse, so fern sie auch sein mögen, nehmen uns mehr mit als fiktive. Unser Hirn kann das schon richtig einordnen, der Körper braucht mitunter eine Weile. Ich habe das einmal selbst erlebt. Also eine körperliche Reaktion. Ganz anderes Genre. Bei dem Buch Feuchtgebiete kam mir das ein oder andere Mal der Würgereiz. Ein gängigeres Beispiel für die meisten sind wohl sehr emotional aufgeladene Filme, bei denen die Tränen kullern. Gefühle sind immer echt, auch wenn es die Auslöser nicht zwangsläufig sein müssen. Nur denke ich, können wir fiktive Quellen besser verarbeiten. Meistens.

Wir lesen also ein Buch, sehen einen Film, um uns selbst ein angenehm gruseliges Gefühl über den Rücken zu jagen, wohl wissend, dass wir in Sicherheit sind.

Aus diesem Grund spielen manche auch Spiele wie Call of Cthulhu. Ich nenne es stellvertretend für alle Spiele des Genres, hier aber auch speziell als Pen&Paper. Persönlich war ich nie so tief in einer Runde drin, dass es mir die Haare aufstellte. Auch in atmosphärisch stimmigen Sessions. Dennoch weiß ich, dass Bilder im Kopf entstehen können, die unweigerlich zu einem unangenehmen Gefühl bei dem Spieler führen. Jemanden, der unter Arachnophobie leidet (ich verwende leidet, weil es für den betroffenen wirklich schlimm sein kann), kann man kein Abenteuer mit Spinnen vorsetzen. Der Grad zum Unangenehmen ist dann überschritten. Das kann aber auch bei weniger offensichtlichen Inhalten sein. Blut, Fäkalien, Tierquälerei. Die Grenze, bei der etwas schön schaurig ist oder zu einer unangenehmen Situation wird, ist individuell und muss bei Spielen vorher abgeklärt werden.

Dabei hat der lovecraftsche- oder kosmische Horror gute Voraussetzungen. Er ist sehr selten explizit und bei Pen&Paper-Runden kann der Spielleiter ihn ohnehin lenken. Zum Beispiel, was den Schlittenhunden in der Kampagne Berge des Wahnsinns widerfährt, beispielhaft zum Thema Grausamkeit gegenüber Tieren und wie man sie darstellt. Es braucht kein Blutbad, um die Geschichte voranzubringen. Ich bin grundsätzlich kein Freund ausschweifender Beschreibungen von Gewaltexzessen. Zugegeben, manchmal mag etwas Splatter auch situationsbedingt witzig sein oder halloweenmäßig irgendwie dazugehören. Aber ich erinnere mich allerdings noch an das Buch Willkommen in Hell, Texas von Tim Miller. Ich hab es  nach der ersten ausführlichen Beschreibung einer Vergewaltigung entsorgt. Ich war etwas überrascht, dass Bücher, die aus einer Aneinanderreihung von Schmutz bestehen, eine derartig gute Bewertung haben. Gibt es eine objektive Abgrenzung von guten und schlechten Gewaltdarstellungen? Oder wie weit darf etwas gehen, um nicht als geschmacklose Torture-Porn-Grütze zu gelten?

Horror ist also ein persönliches Empfinden von Schauer oder Abscheu, er ist fiktional oder wir ordnen ihn zumindest so ein, um ein wohliges Gefühl zu bekommen.

Ich komme also zu der Definition, die ganz oben steht nur mit viel mehr Wörtern…
Und was zeichnet den kosmischen Horror aus? Das ist ein Thema für einen anderen Artikel…

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