Frankenstein oder Der moderne Prometheus – Mary Shelley

Dieser Beitrag erschien erstmals am 22.10.2015 auf dem Blog GelbeZeichen und wurde hier überarbeitet.

Mary Shelley, 1840 gemalt von Richard Rothwell
Mary Shelley, 1840 gemalt von Richard Rothwell

Mary Shelleys Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus skizziert Viktor Frankensteins Bemühen, den Tod zu überwinden. Das Monster, welches er dadurch erschafft, jagt ihn buchstäblich bis ans Ende der Welt. Dieser Klassiker der Schauergeschichte ist ein großartiges Werk, welches einen Zwiespalt zwischen Ethik und Wissenschaft aufzeigt.

Literarische Bedeutung

Die Idee aus dem Nichts Leben zu erschaffen, ist nicht neu. Man könnte den Mythos vom Golem als literarischen Ahnen sehen. So wurde der Golem aus Lehm und nur mit Wörtern erschaffen und gleicht dem Schöpfungsprozess der jüdisch/christlichen Glaubenslehre, bei dem Gott dem Menschen Leben einhaucht. Goethes Zauberlehrling, welcher einige Jahre vor Frankenstein erschien, belebt tote Materie durch einen Zauberspruch (Der Zauberlehrling könnte auch durch eine Golems Sage inspiriert sein). Der Golem wie auch der Besen im Zauberlehrling sollen dienen und Aufgaben erfüllen. Indes wird das Monster von Frankenstein durch Wissenschaft und Technik produziert, es dient auch keinen besonderen Zweck außer seinem Schöpfer dessen Möglichkeiten zu beweisen. Ist ist das erste Mal, dass der menschliche Geist und nicht göttliche oder magische Formeln Leben erschaffen. Hier ist der Wandel der Gesellschaft deutlich zu erkennen. Die westliche Welt entfernt sich von einer landwirtschaftlichen geprägten Gesellschaft hin zu industriellen Nationen. Die Aufklärung begann rund hundert Jahre vorher und der Mensch steht seither nicht mehr vor Gott dem Richter, sondern vor den Konsequenzen seines eigenen Handelns. Die Geister, die ich rief wird zu: Die Monster, die ich schuf.

Lovecraft schrieb mit Herbert West: Reanimator seine Version von Frankenstein. Er selbst legte die Geschichte als Parodie auf Shelley aus, war aber unzufrieden mit seiner Arbeit. Mit Reanimator schließt Lovecraft die Lücke zum Zombie Genre

Issac Asimov führt den Kern von Mary Shelleys Geschichte mit seiner 1950 erschienenen Kurzgeschichtensammlung I, Robot fort. Der Mensch lebt hier Seite an Seite mit den modernen Monstern Frankensteins und hat immer noch Ängste aber auch Hoffnungen. Hieraus entstehen Fragen wie: Was ist Leben und was ist Persönlichkeit.

Der Archetyp des verrückten Professors

Colin Clive als Dr. Frankenstein aus Frankenstein 1931
Colin Clive als Dr. Frankenstein aus Frankenstein 1931

Viktor Frankenstein ist der Urvater der verrückten Professoren, zumindest in literarischer Hinsicht. Er ist intelligent und wissenshungrig. Er beginnt ein Studium der Naturwissenschaften in Ingolstadt. Durch seinen Ehrgeiz wird er paranoid. In sich gekehrt und einsam vertieft er sich in seine Arbeit, er forscht, er liest metaphysische Schriften und wissenschaftliche Abhandlungen und überschreitet Grenzen.

Dieser Typus eines Wissenschaftlers lässt sich nicht durch Normen des Zusammenlebens, Ethik oder Gewissen aufhalten. Sein Ziel ist für ihn ehrenwert, wie Prometheus bringt er den Menschen das Feuer, um Zivilisation und Fortschritt zu gewähren. Prometheus erschuf aber auch den Menschen und gilt als Freund der Menschheit. Dies ist das Selbstbildnis, es weicht durchaus von dem Empfinden anderer Menschen ab. Die Ernüchterung Frankensteins kommt später. In ihm wachsen Schuldgefühle und die Unfähigkeit über seine Taten (die er vielleicht als Sünde, vielleicht als Verbrechen wider der Natur sieht) zu sprechen und sie zuzugeben, was ihn immer mehr isoliert. Aus diesen Schuldgefühlen und aus Mitleid verspricht er seinem Monster eine Gefährtin zu erschaffen. Im letzten Moment aber überkommen ihm Zweifel und er vernichtet das zweite Monster.

Frankensteins Monster

Boris Karloff als das Monster in Frankensteins Braut 1935
Boris Karloff als das Monster in Frankensteins Braut 1935

Wer ist eigentlich das Monster?
Die Kreatur, die Frankenstein erschafft, ist primitiv, hässlich und doch irgendwie menschlich. Sie tötet; erst den kleinen Bruder von Viktor später seinen Freund. Der kleine Wilhelm Frankenstein stirbt, weil das Monster Angst hat und es sich über seine Kraft nicht im Klaren ist, Frankensteins Freund stirbt wegen des Zorns und der Enttäuschung des Monsters über das Scheitern ihm eine Gefährtin zu erschaffen. Alles sind Gefühle, die tief im Menschen liegen. Und am Ende zeigt sich noch eine weitere menschliche Regung. Als Viktor stirbt, trauert die Kreatur, gleich einem Sohn der um seinen Vater trauert.

Das Monster ist die tragische Figur der Erzählung. Hineinproduziert in eine es ablehnende Welt, weder hatte es eine Wahl noch gibt man es eine Chance. Selbst die Bauernfamilie, der der Kreatur hilft, fürchtet sich vor seinem Anblick und es muss fliehen. Das Monster ist Frankenstein, seine Kreatur und auch die Gesellschaft, alle auf ihre Arten.

Wie das Monster erschaffen wird, ist in der Geschichte nicht exakt beschrieben. Frankenstein nutzt hierfür Fleisch, welches er vom Fleischer bekommt.

Im 1910 erschienenen Film, ist es Alchemie und erst in späteren Filmen nimmt er dafür Teile geschändeter Leichen, zweifelsohne um den Horrorfaktor zu steigern. Auch der Blitz bzw. die Elektrizität ist eine Interpretation der Filmindustrie.

Horror und Popkultur

Mary Shelleys Schauergeschichte wurde mehrmals verfilmt. Erstmals 1910. Hängengeblieben sind aber wahrscheinlich die Filme aus den ’30ern.  Boris Karloff und die unverwechselbare Optik seiner filmischen Interpretation des Monsters haben für immer unsere Vorstellung geprägt. Literarisch gesehen hält sich nur der zweite Teil Frankensteins Braut von 1935 einigermaßen an die Vorlage von Mary Shelley. Viel werkgetreuer ist der 1994 erschienene Film Mary Shelleys Frankenstein mit Robert DeNiro als Monster und Kenneth Branagh als Victor Frankenstein.

Warum uns Frankenstein und seine Schöpfung gruselt, kann zum einen daran liegen, dass wir Angst vor der Wissenschaft haben bzw. an ihren Auswüchsen. Dies war in der Vergangenheit stärker ausgeprägt. Gentechnik und Stammzellforschung sind heute nicht mehr furchteinflößend sondern werden lediglich kritisch und unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet. Der Mensch ist im wahrsten Sinne des Wortes erwachsen geworden. Der Schauer entspringt dann eher der Abscheulichkeit der Beschreibung des Monsters, seiner übermenschlichen Kraft und der Wildheit seines Geistes. Die Angst vor dem was nicht sein kann und nicht sein darf ist es, die uns gruselt.

Frankensteins Monster ist in die Popkultur eingegangen, in einem positiven Sinne. Herman Munster aus der ’60er Jahre Serie The Munsters ist die Verkörperung des grobschlächtigen Monsters mit dem Herzen am rechten Fleck. Kaum eine Halloweenparty ohne die typische Monstermaske.

1996 brachte Interplay das Spiel Frankenstein – through the eyes of the monster heraus. In diesem Point-and-Click Adventure wird die Flucht des Monsters nach dessen erwachen nachgespielt. Tim Curry wird als Frankenstein in das Spiel hineinimplementiert. In diesem Spiel nimmt man die Rolle des Monsters ein, welches fliehen muss. Der Wandel zur mitleiderregenden Kreatur ist damit endgültig vollzogen und die Schauergeschichte ist mehr zu einem Drama, welches aus Missverständnissen erwächst, umgewandelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

TitelFrankenstein: oder Der moderne Prometheus
AutorinMary Shelly
ÜbersetzerAlexander Pechmann
Seiten464
ISBN978-3717523703
VerlagManesse
Erschienen10/2017

Links

Frankenstein als Lesung auf LibriVox
Der Text bei Projekt Gutenberg in deutsch
Der Text bei Project Gutenberg im englischen Original

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